Vorgeburtliche Bluttests – wie weit wollen wir gehen?

Fraktionsübergreifend hat sich im Deutschen Bundestag eine Gruppe von Abgeordneten zusammengeschlossen, um für eine Orientierungsdebatte zu werben, die sich mit der Frage der genetischen Untersuchungen vor der Geburt befassen soll. In einer Pressekonferenz habe ich mit Kollegen dieser Gruppe die Grundsätze des Aufrufs vorgestellt, den 119 Abgeordnete unterstützt haben – darunter mehr als 70 aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Inzwischen zeichnet sich eine solche Debatte für das erste Halbjahr dieses Jahres ab.

Für mich steht es nicht zur Disposition, dass jedes menschliche Leben lebenswert ist. Ethisch hat jeder Mensch einen natürlichen Anspruch, gewollt und willkommen zu sein. Die vom Grundgesetz als unantastbar gewährleistete Würde des Menschen kann und darf auch durch Krankheit, Behinderung oder den Bedarf an Pflege und Fürsorge nicht verloren gehen. Deshalb können und dürfen Würde und Lebensrecht auch nicht von genetischen Eigenschaften eines Menschen abhängen. Die Fortschritte in der genetischen Diagnose zwingen uns als Gesellschaft dazu, die Frage zu beantworten, wie wir mit den dadurch erzeugten Erkenntnissen umgehen wollen. Ich will keine Welt, in der wir unsere Kinder unbemerkt und ungewollt in Produkte verwandeln, die wir vor der Geburt Qualitätssicherungsmaßnahmen unterwerfen, wie wir sie aus der Herstellung von Gütern und Dienstleistungen kennen und bei Qualitätsmängeln als Ausschuss verwerfen.

Auslöser der Debatte ist auch ein derzeit laufendes Verfahren über die Nutzenbewertung eines Bluttests, mit dem durch eine Blutabnahme der werdenden Mutter das Ungeborene auf Trisomien getestet wird. Am Ende dieses Verfahrens steht auch die Frage, ob die Kosten dieses Tests von den gesetzlichen Krankenkassen getragen werden sollen.
Ein prinzipielles Verbot ist argumentativ schwierig zu vertreten. Denn der Test ist für Mutter und Kind ohne direktes Risiko – anders als die derzeit bei Risikoschwangerschaften angewendete und von den Krankenkassen finanzierte Fruchtwasseruntersuchung, die zu Infektionen führen kann und die Gefahr von Fehlgeburten birgt. Aber diese Abwägung gilt für Risikoschwangerschaften wie immer man sie definiert. Als Routinetest während einer jeden Schwangerschaft kommt der Test für mich aus vielerlei Gründen nicht in Frage.

Schlüsselrolle Beratung

Eine entscheidende Rolle spielt in diesem Zusammenhang eine qualifizierte Beratung vor und nach dem Test, auf die es einen rechtlichen Anspruch gibt. Hier muss bereits vor einem möglichen Test darüber gesprochen werden, welche Konsequenzen die Betroffenen überhaupt bei einem entsprechenden Untersuchungsergebnis ziehen würden – reflektiert und wenn möglich auch im Kreise der Familie. Ich werbe dafür, dass diese Beratung aus einer Haltung der Einfühlsamkeit und der gesamtgesellschaftlichen Stärkung der Entscheidung für ein Kind und auch für ein Kind mit Behinderung erfolgt.