Jetzt die Erfolge der Coronavirus-Eindämmung nicht gefährden

Seit dem ersten Infektionsfall mit dem neuartigen Coronavirus in unserer Region sind mittlerweile zwei Monate vergangen. Die öffentliche Diskussion dreht sich nun im Wesentlichen um die Frage, ob und wann die strikten Maßnahmen zur Eindämmung des Virus schrittweise gelockert werden können. Großes Verständnis habe ich für die Sorgen und Nöte von Arbeitnehmern, (Solo-)Selbstständigen, Unternehmern und vielen anderen, die durch die Einschränkungen hart getroffen werden. Auch die räumliche Einschränkung der sozialen Kontakte wird für uns alle immer schwieriger.

Dennoch halte ich es für zwingend, jetzt nicht aus dem Bauch heraus Maßnahmen zu lockern oder zu verändern. Wir müssen hier streng nach wissenschaftlichen Belegen vorgehen und dürfen dabei das Ziel nicht aus den Augen verlieren: Eine Eindämmung der Übertragung des Virus und ein anhaltendes Absenken der Reproduktionsrate deutlich unter den Wert eins. Eine vorschnelle Lockerung von Maßnahmen hätte eine neue Infektionswelle zur Folge und würde darüber hinaus bedeuten, dass die bisherigen teils sehr schmerzhaften Einschränkungen vergebens waren und wir eine Überlastung des Gesundheitssystems riskieren. Unter anderem zwei Instrumente sind dabei für mich die Voraussetzung, Einschränkungen gezielt lockern zu können:

1. Infektionsstatus der Bevölkerung als Entscheidungsgrundlage
Das Corona-Virus wird uns nach bisherigen Erkenntnissen bis zur Fertigstellung eines Impfstoffes, frühestens im nächsten Jahr, begleiten. Das bedeutet auch: Wir werden so lange Maßnahmen zur Eindämmung der Übertragungen durchhalten müssen. Die bisher flächendeckend verhängten Einschränkungen sind am Gebot des vorsorglichen Gesundheitsschutzes orientiert und zielen auf das konsequente Unterbrechen von Infektionsketten ab – insbesondere bei unbemerkten Ansteckungen. Eine bessere Datenbasis und generell mehr Wissen über das Ausbreitungsgeschehen ermöglichen es, Maßnahmen effektiver, differenzierter und zielgerichteter einzusetzen. Es wäre klug, durch regelmäßige repräsentative Testungen laufend zu überwachen, wie viele Infizierte, Erkrankte, Verstorbene und immune Personen in welcher Region verteilt sind. So ließen sich gezielter Eindämmungsmaßnahmen verschärfen oder lockern, während das übrige gesellschaftliche Leben unter Wahrung der allgemeinen Hygieneregeln wieder „normaler“ wird.

2. Schnelle Nachverfolgung von Infektionsketten
Ein echtes Absenken der Zahl von Infizierten versetzt uns in die Lage, Infektionsketten wieder detaillierter nachverfolgen und mögliche Kontaktpersonen von Infizierten frühzeitig ermitteln zu können. Dazu bedarf es einer Stärkung der öffentlichen Gesundheitsdienste. Die Ankündigung der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsidenten, dort zusätzliche Personalkapazitäten zu schaffen – nämlich Teams von fünf Personen pro 20.000 Einwohner – begrüße ich daher ausdrücklich. Die Kontaktnachverfolgung muss jedoch auch digital unterstützt werden. Eine Smartphone-App, die unter Wahrung der Persönlichkeitsrechte mögliche Kontaktpersonen und deren Infektionsstatus nachvollziehbar macht, wäre ein wirksames Instrument, dessen Entwicklung Bund und Länder ja auch vorantreiben. Aus einer Studie des „Big Data Institute“ der Universität Oxford lässt sich ableiten, dass die manuelle Kontaktnachverfolgung von Infizierten meistens einen oder mehrere Tage zu spät erfolgt. Infizierte Kontaktpersonen haben möglicherweise bereits andere Personen angesteckt, bevor diese überhaupt ausfindig gemacht werden konnten. Durch eine App-gestützte Nachverfolgung kann so wertvolle Zeit gewonnen werden. Die gleiche Studie kommt zu der Auffassung, dass bereits die Nutzung einer Tracking-App von 60% der Bevölkerung zu einem Absenken der Reproduktionsrate unter eins führen kann. Sollten diese Ergebnisse auf die Gegebenheiten in Deutschland übertragbar sein, wäre das eine weitere Hilfe auf dem Weg in die Normalität.

Wie unsere Bundeskanzlerin erklärt hat, sind die aktuellen Zahlen „zerbrechliche Erfolge“. Der jetzige Ausnahmezustand – mit all seinen Einschränkungen des öffentlichen Lebens und unserer persönlichen Freiheit – muss fortlaufend sehr eng in seiner Legitimation geprüft und dadurch so schnell wie möglich beendet werden. Aber diese Prüfung muss evidenzbasiert sein und die bisherigen Einschränkungen müssen durch andere, differenziertere Maßnahmen abgelöst werden.