Die grausame Alltäglichkeit des Sterbens

Bundestag gedenkt der Opfer der Blockade Leningrads – Eine Million Menschen erfroren oder verhungert

In einer Feierstunde hat der Bundestag am Montag der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Im Mittelpunkt des Gedenkens stand in diesem Jahr die fast 900-tägige Blockade Leningrads durch die Wehrmacht, die am 27. Januar vor 70 Jahren zu Ende ging. Die Gedenkrede hielt in diesem Jahr der russische Schriftsteller Daniil Granin, der an die Leiden der Menschen, den Hunger, die Kälte und den Tod in der belagerten Millionenmetropole erinnerte. Mit eindringlichen Worten beschrieb er, „wie sich das Wesen der Menschen unter den Bedingungen der Blockade verändert hatte“, wie aber auch ein „neues Niveau an Mitgefühl und Barmherzigkeit“ entstand.

Am 27. Januar gedenkt der Bundestag seit 1996 jedes Jahr den Opfern des Holocaust. An diesem Tag war 1945 das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von der Roten Armee befreit worden. Zufällig am gleichen Tag ein Jahr zuvor endete die Blockade Leningrads – heute wieder Sankt Petersburg. In den knapp 900 Tagen der Belagerung waren Schätzungen zufolge mehr als eine Million Menschen ums Leben gekommen – infolge von Luftangriffen, Krankheiten, Kälte und Hunger. „Damals war Sterben in der eingeschlossenen Stadt längst zu einer grausamen Alltäglichkeit geworden“, sagte Bundespräsident Norbert Lammert in seiner einleitenden Rede. Die menschlichen Tragödien, die sich dort abgespielt haben, seien heute unvorstellbar.

125 Gramm Brot am Tag

Der heute 95-jährige Granin, der als junger Mann selbst an der Front kämpfte, hatte Ende der 70-er Jahre zusammen mit seinem Kollegen Ales Adamowitsch ein Buch mit Dokumenten, Tagebüchern und Zeitzeugenberichten über die Zeit der Belagerung herausgebracht, das „Blockadebuch“. Mit diesen Geschichten setzte er der sowjetischen Heldenperspektive die menschliche Sicht der Blockade entgegen, weshalb das Buch in der Sowjetunion damals nur in zensierter Fassung erscheinen konnte. Im Bundestag beschrieb er seinen Zuhörern  - darunter auch Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel -, was es bedeutete, mit 125 Gramm Brot am Tag, mit Schneewasser und ohne Brennstoff auskommen zu müssen.

Die deutschen Truppen hätten in aller Ruhe darauf gewartet, dass der Hunger die Menschen in Leningrad in die Knie zwingen würde. Krieg sei eigentlich ein „militärisches Geschäft“, bei dem Soldaten mit Soldaten kämpften. „Hier wurde der Hunger in die Stadt geschickt, um anstelle der Soldaten Krieg zu führen.“

„Intoleranz ist nicht mehr tolerierbar“

Lammert nannte es das Verdienst Granins, dass er den Bewohnern des belagerten Leningrads jenseits der offiziellen sowjetischen Geschichtsschreibung eine Stimme gegeben habe. In den Tagebüchern zeige sich, was der Hunger den Menschen antue. Und es zeige sich auch: „Die Verantwortung, die wir Deutsche tragen, bleibt.“

Der Bundestagspräsident erinnerte an all jene, die Opfer der menschenverachtenden nationalsozialistischen Rassenideologie wurden - der Juden, der Sinti und Roma, der Kranken und Behinderten, der politisch Verfolgten und Homosexuellen, der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen, der Opfer der Kindertransporte, der zu „Untermenschen“ degradierten slawischen Völker.  Nie wieder dürften Staat und Gesellschaft zulassen, dass Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer politischen Einstellung oder sexuellen Orientierung, kurzum: wegen ihrer Andersartigkeit zum Feindbild einer schweigenden Mehrheit gemacht, verachtet, gedemütigt oder bedroht werden, mahnte Lammert. In Deutschland sei „Intoleranz nicht mehr tolerierbar“.

Die Gedenkstunde wurde musikalisch umrahmt vom Meccorre String Quartet, das Teile aus dem achten Streitquartett des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch spielte. Schostakowitsch hatte selbst zu den Eingeschlossenen während der Blockade gehört.