Rede des stellvertretenden Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion NRW für den Fachbereich Arbeit, Gesundheit und Soziales Rudolf Henke zum Thema „Prävention fördern - Kinder von psychisch kranken Eltern gezielt schützen".
Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren!
Kinder von psychisch kranken Eltern haben ein stark erhöhtes Risiko, im Laufe ihres Lebens selbst eine psychische Störung zu entwickeln. Die Erkenntnisse über die Risiken für diese Kinder müssen in der praktischen Versorgung berücksichtigt werden. Entscheidend für den Erfolg von Präventionsmaßnahmen sind eine qualifizierte Behandlung der elterlichen Erkrankung, Psychoedukation sowie spezielle Hilfen, die der jeweiligen Familiensituation angepasst sind wie etwa Familienhilfe und Selbsthilfegruppen.
So etwa könnte man den Erkenntnisstand zusammenfassen, den Fritz Mattejat und Helmut Remschmidt im vorigen Jahr in ihrer großen Übersichtsarbeit mit dem Titel "Kinder psychisch kranker Eltern" veröffentlicht haben. Die beiden Autoren stammen aus der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Phillips-Universität, Professor Remschmidt ist Mitglied im Vorstand des wissenschaftlichen Beirates der Bundesärztekammer, wer nachlesen möchte, findet den Aufsatz in Heft 23 des Deutschen Ärzteblattes vom 6. Juni 2008.
Elf Monate nach dieser wichtigen Publikation legt uns nun die SPD-Fraktion einen Antrag vor, der zum einen aus dieser und anderen wichtigen Arbeiten zur Situation der betroffenen Kinder zitiert und zum anderen einige Forderungen aufstellt, die mir mehr politisch als fachlich motiviert zu sein scheinen. Ich habe den leisen Verdacht, dass er Ihnen aber vor allem dabei helfen soll, eine Runde "Schwarzer Peter" zu spielen. Wir wollen uns dadurch aber nicht ablenken lassen.
Lassen Sie mich deshalb zunächst sagen, worin ich die wichtigsten Probleme sehe, unter denen Kinder psychisch kranker Eltern leiden.
1. Die Kinder sind geängstigt und verwirrt, weil sie die Probleme der Eltern nicht einordnen und nicht verstehen können.
2. Die Kinder glauben, dass sie an den psychischen Problemen der Eltern Schuld sind: "Mama ist krank/durcheinander/traurig, weil ich böse war/weil ich mich nicht genug um sie gekümmert habe".
3. Die Kinder haben den (meist begründeten) Eindruck, dass sie über ihre Familienprobleme mit niemanden sprechen sollen. Sie haben die Befürchtung, dass sie ihre Eltern verraten (dass sie etwas Böses tun), wenn sie sich an Personen außerhalb der Familie wenden.
4. Die Kinder wissen nicht, an wen sie sich mit ihren Problemen wenden und haben niemanden, mit dem sie darüber sprechen können, d.h. sie sind alleine gelassen.
Allerdings gibt es kein einzelnes Reaktionsmuster, das man als typisch für Kinder von psychisch kranken Eltern herausarbeiten könnte, sondern man kann sowohl ein Geschwisterkind finden, das z.B. mit Flucht aus der Familie reagiert und ein anderes, das z.B. mit einer hohen Verantwortungsübernahme antwortet. Auch die klinischen Manifestationen psychischer Störungen bei den Kindern können höchst unterschiedlich sein. Selbst bei widrigsten Bedingungen findet man auch immer wieder Kinder, die diese Belastungen anscheinend unverletzt überstehen, und die Forschung über diese Fähigkeit der sogenannten Resilienz sucht deshalb nach Mechanismen, die die Unterschiedlichkeit der Entwicklungsverläufe erklären und Hinweise für Präventionsansätze liefern können.
Im Prinzip geht es bei der Prävention darum, die häufig vorhandenen psychosozialen Belastungen zu reduzieren und individuelle und soziale Schutzfaktoren zu stärken, um eine normale Entwicklung zu ermöglichen.
Grundlage aller Prävention ist eine qualifizierte und effektive Behandlung der elterlichen Erkrankung. Die psychischen Auffälligkeiten der Kinder können reduziert werden, wenn die elterliche Erkrankung erfolgreich behandelt wird.
Der zweite Bestandteil der Prävention sind sogenannte pychoedukative Interventionen, bei denen Information zur Verfügung gestellt wird, die Anwendung der Information auf den individuellen Fall erfolgt und eine Ermutigung zur offenen Kommunikation über die Erkrankung in der Familie.
Die dritte Komponente sind spezielle Hilfen, die an die jeweilige Situation der Familie angepasst sind und nach genauer Indikationsstellung erfolgen sollten. Hierzu zählen psychiatrische und psychotherapeutische Hilfestellung, ebenso die sozialpädagogischen Hilfen nach Art sozialpädagogischer Familienhilfe oder spezielle Angebote wie beispielsweise Gruppen für Kinder psychisch kranker Eltern.
Von zentraler Bedeutung ist es, dass die für die Kinder und Jugendlichen zuständigen Fachleute und Einrichtungen wie Schulen, Jugendämter, Psychiater, Kinder- und Jugendpsychiater, psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendpsychotherapeuten eng zusammenarbeiten. Besonders wichtig wird die Rolle der Lehrer sein, die häufig am ehesten Probleme der Kinder bemerken und in Abstimmung mit den Eltern weitere Instanzen weiter einschalten können.
Ich glaube deshalb, dass wir über eine ganze Reihe von Ansatzpunkten verfügen, mit denen ein finanziell ausreichend ausgestattetes Gesundheitswesen und finanziell ausreichend ausgestattete Jugendhilfe bei hinreichender Aufmerksamkeit sehr segensreich wirken kann.
Was ich für unrealistisch halte, ist die Verheißung, wonach es machbar sein soll, dass aus dem Risiko "keine Erkrankung entsteht", ich wiederhole: "keine Erkrankung entsteht", wenn differenzierte und flächendeckende Präventionsangebote zur Verfügung stehen. Diese unrealistisch optimistische Perspektive muss ja enttäuscht werden. Sie verknüpfen Sie mit der Forderung nach einem Landesprogramm, ohne überhaupt eine Bestandsaufnahme der bereits realisierten Hilfen vorzunehmen. Hier hat - wie ich zumindest finde - bei einem absolut ernsten Thema der Wunsch nach parteipolitischem Geländegewinn allzu sehr im Vordergrund gestanden.
Ich habe diesen Mangel nicht beschrieben, um dem Anliegen der SPD-Fraktion zu widersprechen, sondern um darauf hinzuweisen, dass wir hier in dieser Form nicht zustimmen können, jedoch sehr einverstanden sind, das Thema im Ausschuss sorgfältig zu erörtern. Vielleicht sollten wir dabei auch die Ergebnisse berücksichtigen, die etwa vor 5 Jahren beim 12. Deutschen Jugendhilfetag in einem Fachforum über kompetente Kinder und den anderen Umgang mit Kindern psychisch kranker Eltern erzielt wurden oder auch Hilfsangebote und verbesserte Kooperationsstrukturen, zu denen das Forschungsprojekt Kinder als Angehörige psychisch Kranker der KFH Nordrhein-Westfalen in Paderborn geführt hat, durch das seit inzwischen einigen Jahren ein institutionelles Netzwerk gegründet wurde und gewachsen ist. Dabei ergibt sich die Notwendigkeit für eine Kooperation zwischen Jugendhilfe und Psychiatrie bereits aus dem Versorgungsauftrag der beiden Systeme.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!