Gedenken an den 8. Mai 1945

Am 8. Mai 1945 ging der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende. Der 8. Mai, der Tag der bedingungslosen Kapitulation der nationalsozialistischen Diktatur, war für Deutschland Niederlage und Befreiung zugleich, die „Stunde Null“ in seiner Geschichte. Am Freitag gedachte der Bundestag der Ereignisse vor 70 Jahren.

Die Gedenkrede hielt der Historiker Heinrich August Winkler. 

Das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebten die Menschen in Deutschland mit gemischten Gefühlen. So empfanden sie Erleichterung, dass dieser furchtbare Bombenkrieg mit all den Zerstörungen, die er hinterließ, endlich zu Ende war. Doch die bedingungslose Kapitulation bedeutete für viele – etwa die Soldaten in Gefangenschaft, die Flüchtlinge und Vertriebenen – ein hartes Schicksal. In der Übergangsphase zur Bundesrepublik hörte Deutschland auf als politische Einheit zu existieren. Das verbliebene Staatsgebiet wurde von den Besatzungsmächten in vier Zonen aufgeteilt. Zwischen den drei Westzonen und der sowjetischen Besatzungszone zog sich schon frühzeitig ein politischer Graben.

In der Bundesrepublik beschäftigte man sich zunächst mit den Ursachen des Zweiten Weltkriegs und den Verantwortlichen für die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933. Der Massenmord an den europäischen Juden erlangte erst in den 1960er Jahren öffentliche Aufmerksamkeit. Nun wurde auch nach den Mitläufern und Mitwissern gefragt. Mit der Ausstrahlung der amerikanischen Fernsehserie „Holocaust“ Ende 1979 brannten sich die Bilder der nationalsozialistischen Verbrechen in
das Gedächtnis der Menschen ein.

Am 8. Mai 1985, 40 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, sprach sich der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker für eine Neubewertung der historischen Ereignisse aus: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung“, sagte er im Bundestag. „Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“ Von Weizsäcker sprach nicht von der „Stunde Null“, sondern von der Chance zu einem Neubeginn, den die Deutschen genutzt hätten, so gut sie konnten: „An die Stelle der Unfreiheit haben wir die demokratische Freiheit gesetzt.“ Gleichzeitig erinnerte er an das Leid, das für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begann. 

Mit Winkler sprach erstmals ein Geschichtswissenschaftler zum Jahrestag vor dem Bundestag – und nicht ein Politiker wie bislang üblich. Der 76-jährige gebürtige Ostpreuße lehrte bis 2007 Neuere und Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Der Öffentlichkeit wurde er vor allem durch seine Werke „Der lange Weg nach Westen“ und „Auf ewig in Hitlers Schatten? Über die Deutschen und ihre Geschichte“ bekannt. Zuletzt veröffentlichte er die vierbändige „Geschichte des Westens“.