Generalistische Pflegeausbildung - Fortschritt oder Rückschritt

Das Bundeskabinett hat im Januar dieses Jahres den Gesetzentwurf zur Reform der Pflegeberufe beschlossen. Der auf den Weg gebrachte Gesetzentwurf wurde auf einer Podiumsveranstaltung der Zukunftswerkstatt e.V. diskutiert.

Unter der Leitung von Rudolf Henke diskutierten die Experten Karl-Josef Eßer (Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V.), Jochen Vennekate (Leiter der Krankenpflegeschule des Luisenhospitals Aachen), Ralf Kaup (Geschäftsführer Aachener Caritasdienste) und Evelyn Adams (Leiterin der Diakonie Akademie Wuppertal) am 28. September in Aachen.

Die Zukunftswerkstatt e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der vor allem Veranstaltungen und Vorträge zu gesellschaftlich wichtigen Themen organisiert. Dabei legt der Verein Wert darauf Themen zu diskutieren, die grundlegender sind und über die Tagespolitik hinausweisen. Armin Laschet gründete die Zukunftswerkstatt zu seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter.

Der Kernpunkt und der zwischen den Diskutanten umstrittenste Gesetzespassus ist die Einführung einer generalistischen Pflegeausbildung mit einem einheitlichen Berufsabschluss. Durch das Pflegeberufsgesetz sollen Auszubildende in der Altenpflege, der Gesundheits- und Krankenpflege sowie der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege fortan eine gemeinsame Ausbildung absolvieren. Genau darin sehen Vennekate und Adams die Stärke der geplanten Auslegung des Gesetzes, denn durch die Vermittlung von essentiellen Kernkompetenzen werden die Auszubildenden zukünftig ihrer Meinung nach für alle drei pflegerischen Settings gleichwertig und bestmöglich auf den Berufsalltag vorbereitet.

Ihre Einschätzung ist, dass so in Deutschland nach vielen Jahren endlich wissenschaftliche Erkenntnisse sowohl der Pflegewissenschaft als auch der Pflegedidaktik berücksichtigt würden und die Ausbildung entsprechend ausgerichtet wäre. Zudem könnte die bisher unter anderem in der Vergütung herrschende Differenz der betroffenen Ausbildungsberufe durch eine Generalisierung aufgehoben werden. Die jeweils noch notwendigen spezifischen Qualifizierungen für die unterschiedlichen beruflichen Handlungsfelder würden anschließend durch die eigentliche Berufstätigkeit und durch Fort- und Weiterbildung erlangt.

Kaup und Eßer argumentierten hingegen, dass genau darin die Problematik liege, denn durch die angestrebte Vereinheitlichung würde das Niveau der Ausbildung massiv gesenkt, da praktische und theoretische Lerninhalte in einem nicht vertretbaren Maße verallgemeinert und reduziert werden müssten. Den Unterschieden in den einzelnen Pflegesettings könnte dann nicht mehr ausreichend Rechnung getragen werden, wovon die Gesundheits- und Kinderkrankenpflege am meisten betroffen sein würde.

Das Format der Zukunftswerkstatt hat erneut einen Raum geschaffen, der es ermöglicht, verschiedene Facetten, Anspruchshaltungen und Argumentationslinien nachzuzeichnen, die den Gesetzgebungsprozess auch auf der Bundesebene maßgeblich beschäftigen und beeinflussen.  Ob und inwieweit die Reform Fortschritt sein wird und ob das Gesetz in seiner Zielsetzung tatsächlich verabschiedet werden wird, dürfte bis zum November entschieden sein. Rudolf Henke MdB wird alle Anregungen und Perspektiven mit nach Berlin nehmen, mit dem Ziel die pflegerische Versorgung von Menschen über Altersgrenzen hinweg in allen Versorgungsformen nachhaltig in weiterhin hoher Qualität sicherzustellen.