Menschenwürde in der letzten Lebensphase stärken

Sterben, die Angst vor dem Sterben, die Angst vor Schmerzen und Kontrollverlust - alles, was die letzte Phase des Lebens betrifft, bewegt die Menschen zutiefst. Weil aber immer mehr Organisationen aufkommen, die mit den Ängsten der Menschen ihr Geschäft machen, wird sich der Bundestag in den nächsten Monaten intensiv mit der Regelung von Sterbehilfe befassen.

Es geht auch darum, wie eine Gesellschaft mit Alter, Krankheit und Tod umgeht.

Im Rahmen einer Veranstaltung, die der CDU-Abgeordnete Michael Brand moderierte, diskutierte die Fraktion viele Fragen rund um die Suizidbeihilfe intensiv mit Vertretern von Kirche und Gesellschaft, mit Juristen und Medizinern.

Zu Beginn der Veranstaltung betonte der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder den Aspekt der Gewissensfreiheit bei der Entscheidung, die der Bundestag im nächsten Jahr treffen will: „Es wird keine Fraktionsinitiativen und keine Vorgaben geben." Aber eine Fülle von Fragen müsse aufgegriffen werden, z. B. ob die organisierte Sterbehilfe verboten werden solle.

Die überwiegende Anzahl der Experten sah jede Form der organisierten oder geschäftsmäßigen Sterbehilfe kritisch. Der Strafrechtler Oliver Tolmein sah die Gefahr, dass solche Organisationen beständig daran interessiert seien, ihren Markt auszudehnen. Der Bevollmächtigte des Rates der Evangelischen Kirche, Prälat Martin Dutzmann, forderte: „Jede organisierte Beihilfe zur Selbsttötung muss unterbunden werden.“

Große Einigkeit bestand auch in der Überzeugung, dass die Versorgung Sterbender mit Palliativ- und Hospizmedizin verbessert werden muss. „Die Menschen haben Angst vor dem Leiden, nicht vor dem Tod an sich“, berichtete der Palliativmediziner Thomas Sitte. Deshalb seien niedrigschwellige Aufklärung und Beratung besonders wichtig. „Fast alle körperlichen Leiden können genommen werden, aber das wissen viele nicht.“ Er habe noch für alle seine Patienten, die einen assistierten Suizid gewünscht hätten, eine Lösung für das Leben gefunden. Von der Politik forderte er in diesem Zusammenhang, das Betäubungsmittelgesetz zu entschlacken, damit die Betroffenen einfacher mit Schmerzmitteln versorgt werden können.

Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Ulrich Montgomery, sprach sich für die Palliativmedizin aus und lehnte einen gesetzlich geregelten, ärztlich assistierten Suizid ab: „Der Patient will begleitet werden.“ Montgomery warnte auch davor, die Rolle des Arztes zu überschätzen. Dieser könne nicht Sozialrichter am Ende des Lebens sein. An die Politiker richtete Montgomery den Appell, so wenig wie möglich und nur so viel wie unbedingt nötig zu regeln, denn: „Jede gesetzliche Regelung versucht, statt des Leides den Leidenden abzuschaffen.“ Bei der Diskussion um Sterbehilfe halte er es für problematisch, dass die Menschenwürde immer aus der Sicht von Gesunden bestimmt werde.

Mit Blick auf die Menschenwürde und dem daraus abgeleiteten Selbstbestimmungsrecht erklärte Prälat Karl Jüsten vom Kommissariat der deutschen Bischöfe: „Jedes Leben ist lebenswert.“ Der ehemalige Intendant des MDR, Udo Reiter, vertrat einen ganz anderen Begriff von Selbstbestimmung und Würde. Er bemängelte, dass Sterbewillige in dieser Gesellschaft allein gelassen würden: „Nicht jeder möchte warten, bis sein Leben auf einer Palliativstation zu Ende geht.“ Reiter verwies darauf, dass auch Krankenhäuser und Hospize an den Patienten Geld verdienten, und warf die Frage auf, warum das bei entsprechenden Organisationen so verwerflich sein solle.

Der CSU-Abgeordnete Michael Frieser warnte vor einem Grabenkrieg bei diesem emotional besetzten Thema: „Jede Legislative hat ein Thema, das sie besonders herausfordert - vielleicht auch jeden herausfordert, bis an seine Grenze zu gehen.“