Mit Hilfe von Erinnerungskultur einen Neubeginn schaffen: Dr. Philipp Lengsfeld spricht in Aachen

Seine bewegende Biografie merkt man Philipp Lengsfeld an, wenn er von seinem Thema, der Erinnerungs-und Symbolpolitik, spricht. Im September sprach Philipp Lengsfeld auf Einladung von Rudolf Henke in Aachen

Als ältester Sohn der DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld wuchs Philipp Lengsfeld in der DDR auf und geriet im September 1988 zusammen mit anderen Schülern in den Strudel der Ossietzky-Affäre. Durch das Verfassen von kritischen Wandzeitungsartikeln und einem offenen Brief mit Unterschriftensammlung wurde Philipp Lengsfeld auf direkte Anweisung der DDR-Bildungsministerin Margot Honecker von der Schule verwiesen. Rückblickend erzählt Philipp Lengsfeld diese Geschichte mit einem Schmunzeln, hat er doch sein Büro seit seinem Einzug in den Deutschen Bundestag im Jahr 2013 in genau dem alten DDR-Bildungsministerium, das damals seinen Schulverweis erlassen hat. „Ironie der Geschichte“ nennt Philipp Lengsfeld rückblickend diese Tatsache. 

Seit seinem Einzug in den Deutschen Bundestag ist Philipp Lengsfeld nicht nur persönlich, sondern auch politisch als Berichterstatter der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, insbesondere für die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit, mit dem Thema Erinnerungskultur betraut. Für ihn bedeuten Erinnerungs- und Symbolpolitik auch einen aktiven Umgang mit der Vergangenheit, der wichtig sei, um einen Neubeginn, oft für ganze Gesellschaften und Generationen, zu schaffen. Doch aktive, demokratische Erinnerungskultur ist für Lengsfeld kein Selbstläufer, sondern basiert auf einem umfassenden, sorgfältigen und ausgewogenen Bild der Vergangenheit. Um diese Vollständigkeit der Faktenlage zu erreichen, benötigt es Zeit, Geld und personelle Ressourcen, die eine Gesellschaft bereit sein muss, zu leisten. Gerade der Beginn einer solchen Aufarbeitung stellt sich oft als große Hürde dar. Hier sind Augenmaß und Mut nötig, Tabuisierungen, Denkverboten und Unwahrheiten muss begegnet werden. Als positives Beispiel einer Aufarbeitung nennt Lengsfeld die Aufarbeitung der DDR-Diktatur, in der die Erinnerungspolitik eine herausragende Rolle eingenommen hat. Das „Stasi-Unterlagengesetz“ wurde 1990 trotz massiver Widerstände von Betroffenen und Wissenschaftlern verabschiedet. Die damals vorherrschenden Befürchtungen wurden durch die Erfahrung widerlegt: Neben der Befürchtung, dass staatliche Institutionen generell durch die Offenlegung von Akten eine Delegitimierung erfahren würden, war die zweite Befürchtung, dass die Offenlegung zu persönlichen Verwerfungen und Rachefeldzügen führen würden. Im Gegenteil, so Lengsfeld, hat die Offenlegung die Basis für eine echte Versöhnung zwischen den Menschen gelegt. Abschließend nennt Lengsfeld noch die Bedeutung von Zeit im Rahmen der Aufarbeitung und Erinnerung des öffentlichen Gedächtnisses. Beispielhaft nennt Lengsfeld die Enthüllung, dass der Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras, welcher auf einer Demonstration den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, ein inoffizieller Mitarbeiter der Stasi war, was jedoch in der öffentlichen Bedeutung aufgrund der späteren zeitlichen Aufklärung wenig Beachtung fand. Insgesamt zieht Lengsfeld jedoch das Fazit: „Demokratie ist nicht, dass man keinen Fehler macht, sondern, dass man daraus lernt.“

Rudolf Henke bedankte sich, dass Philipp Lengsfeld den Weg von Berlin nach Aachen auf sich genommen hat, um gemeinsam mit Aachenerinnen und Aachenern über das Thema Erinnerungspolitik und seine Bedeutung, die auch aktuell immer wieder Brisanz erfährt, zu sprechen.