"Wert des Lebens - Euthanasie und Sterbehilfe" - Rudolf Henke beim Forum-Medizin Spezial

Im Rahmen der Ausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“, nahm Rudolf Henke am 08. September an dem Forum-Medizin Spezial zum Thema “Wert des Lebens - Euthanasie und Sterbehilfe” im Uniklinikum Aachen teil.

Neben nationalen Gästen wie Professor Frank Schneider, Initiator der Ausstellung und Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Uniklinikums Aachen, Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, Professor Reinhard Merkel, Jurist für Strafrecht und Rechtsphilosophie der Universität Hamburg und Mitglied des Deutschen Ethikrates, sowie Professor Roman Rolke, Lehrstuhlinhaber für Palliativmedizin an der RWTH Aachen, wohnten der Debatte auch internationale Gäste wie Rutger van der Gaag, Präsident der Niederländischen Ärztevereinigung und Georg Psota, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, bei.

Im Zentrum der kontroversen Diskussion stand die Frage nach der Notwendigkeit von gesetzlichen Regelungen, die die Beihilfe zum Suizid explizit erlauben. Doch auch der historische Kontext, die ideologische Rassenpolitik der Nationalsozialisten und die gegenwärtige Hospiz- und Palliativversorgung wurden thematisiert.

Euthanasie ist kein neues Phänomen, sondern bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts in der wissenschaftlichen Debatte präsent. Basierend auf der Annahme, dass Menschen von Natur aus ungleich wären und nur die Stärksten den gesellschaftlichen Konkurrenzkampf bestehen könnten, propagierten Naturwissenschaftler wie beispielsweise Ernst Haeckel oder Alexander Tille die gezielte Tötung von Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Ihren grausamen Höhepunkt erreichte die Euthanasie im Nationalsozialismus, als Gesetze erlassen wurden, welche Zwangssterilisationen und Tötungen von Menschen mit Behinderungen legitimieren sollten. Ein Forschungsprojekt des Bundesarchivs kam zu dem Ergebnis, dass zwischen 1939 und 1945 rund 200.000 psychisch kranke, sozial auffällige oder geistig behinderte Menschen ermordet wurden.

Rudolf Henke betonte, dass in der gegenwärtigen Debatte über organisierte Sterbehilfe niemand der Argumentation der Nationalsozialisten zur Euthanasie folge. Die Motivationen seien völlig unterschiedlich. Dennoch dürfe weder die Tötung auf Verlangen noch die Beihilfe zum Suizid ein regelmäßiges Leistungsangebot unserer Gesellschaft werden. Denn dies würde den Druck auf Betroffene ungemein erhöhen. Deshalb sprach sich Henke klar für eine Gesetzesinitiative verschiedener Fraktionen des Bundestages aus, welche geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid als Straftatbestand vorsieht.

Abschließend wies Henke darauf hin, dass das von Krankheit eingeschränkte Leben nicht würdelos sei. Denn Würde werde nicht erworben, sondern der Mensch an sich besitze Würde. Wenn das Grundgesetz die Würde des Menschen als unantastbar erkläre, dann könne es niemandem erlaubt sein, die Würde eines Menschen in Abrede zu stellen, weil er sich füttern oder bei der Notdurft helfen lassen müsse. Auch ein Leben in Demenz heiße nicht, seine Würde einzubüßen. Das gelte auch für die Beurteilung des eigenen Lebens. Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, dürfe niemand die Würde absprechen.